Artgerechte Hundehaltung


Wir haben einen Garten – oder was artgerechte Hundehaltung bedeutet

Der Besitz eines Gartens oder GrundstĂŒcks wird nicht selten als ein wichtiges Kriterium fĂŒr die Anschaffung eines Hundes angesehen. Die Aussage “Wir haben einen Garten!” scheint beinahe automatisch zur Haltung eines Hundes zu qualifizieren. Der Garten, Hof, Schuppen oder Zwinger als geeigneter Aufenthaltsort fĂŒr einen Hund – so sieht man es bei Nachbarn – so wurde es schon immer gemacht – so soll es sein. Ein Hund gehört eben nicht ins Haus.

Nach Ansicht des Besitzers soll der Hund …

… wenn der Besitzer beschĂ€ftigt ist seine Zeit im Garten oder Hof alleine verbringen;

… allein sich die nötigen Bewegung und BeschĂ€ftigung verschaffen;

… melden, wenn sich ein verdĂ€chtiger Fremder dem Haus nĂ€hert.

 

Der Hund soll nach Ansicht des Besitzers aber bitteschön nicht

… auf dem Rasen sein großes GeschĂ€ft machen.
… an den Stauden sein Bein heben.
… die Beete und den Rasen mit Kratern versehen.
… Rhododendron und Schmetterlingsflieder schreddern.
… im Gartenteich planschen.
… Seerosen aus dem Teich ziehen und Frösche fangen.
… bei jeder kleinsten Bewegung in den NachbargĂ€rten losklĂ€ffen.
… am Zaun unter lautem GeklĂ€ff Passanten und Fahrradfahrer jagen.
… ĂŒber den Zaun springen (oder sich darunter durch graben) und den Garten ohne Erlaubnis verlassen, selbst dann nicht,      wenn nebenan so verlockende Dinge wie Komposthaufen, spielende Kinder, Katzen, Hunde usw. locken.

 

Damit der Garten unbeschÀdigt bleibt, kommen viele Leute auf die Idee, den Hund in einen Zwinger, Schuppen oder Àhnliches zu tun. Der Hund soll dann nach Meinung der Besitzer dort:

    • Ruhig warten, bis der Besitzer Zeit fĂŒr ihn hat;
    • Vom Zwinger aus Haus und Hof bewachen, er soll “anschlagen” falls sich ein unbefugter dem Haus nĂ€hert, soll aber ruhig sein, wenn sich “normale Dinge” wie Katzen oder Besucher dem GrundstĂŒck nĂ€hern;
    • Wenn er herausgeholt wird, soll der Hund sich “ordentlich benehmen”, soll keine Probleme machen, egal, ob in tagtĂ€glichen Situationen wie “Besuch kommt”, ob es beim Hundesport oder außerhalb des eigenen Hofes bei gelegentlichen SpaziergĂ€ngen ist;

 

Ganz schnell merken viele Leute dann, wie bequem es ist, den Hund bei Zeitmangel und schlechtem Wetter “abzustellen”, wie einen RasenmĂ€her oder ein anderes GartengerĂ€t nach Gebrauch. Der Garten und das Haus werden so vor Verunreinigungen und Schandtaten des Hundes geschĂŒtzt. Zwingerhaltung ersetzt oftmals auch die Erziehung. Ein abgestellter Hund kann auch nichts falsch machen. Man spart Zeit und MĂŒhe.

Also eine Lösung zur Zufriedenheit auf allen Seiten, der Zwinger als der artgerechte Aufenthaltsort fĂŒr Hunde. Oder?

Hunde sind hochsoziale Wesen. Sie brauchen den Menschen als Sozialpartner, sozusagen als Familie und das GefĂŒhl, dazu zu gehören.

Das ist das Ergebnis der Domestikation. Der Mensch hat den „Canis familiaris“ geschaffen oder er hat sich selbst geschaffen – genau weiß man es (noch) nicht. Fakt ist: der domestizierte Haushund existiert ohne Mensch quasi nicht.

Ein Hundewelpe, der (in der Regel) mit 8 Wochen oder spĂ€ter von der Mutter und den Geschwistern getrennt und dann isoliert (in einen Hof/ Garten / Zwinger/ Keller – was auch immer) wird, erleidet ein Trauma und einen extremen Einschnitt in seine Persönlichkeitsentwicklung.

 

So ein kleiner Kerl erleidet beim Alleinesein TodesÀngste. Viele Leute denken, weil ihr Hund nicht jammert oder bellt, macht es ihm nichts aus, doch das stimmt nicht. Viele der Kleinen leiden sozusagen still vor sich hin.

NatĂŒrlich ist es wichtig, dass Hunde alleine bleiben können. Hunde können es lernen, in kleinen Schritten, eine gewisse Zeit soziale Einsamkeit zu tolerieren. Man geht heute davon aus, dass Hunde ohne grĂ¶ĂŸere Probleme 6 Stunden tĂ€glich alleine bleiben können, wenn sie ansonsten ausgelastet sind. Alles was ĂŒber 8 Stunden hinausgeht, bedeutet sozialen Stress fĂŒr die Hunde.

 

Aus der Hirnforschung weiß man, dass die QualitĂ€t der FrĂŒhbetreuung die Reifung des Stirnhirns, des praefrontalen Kortex, der das Zentrum der sozialen Kontrolle im Gehirn ist, beeinflusst. Das Zentrum fĂŒr soziale Kontrolle umfasst die Steuerung der so genannten exekutiven Funktionen wie:

    • Impulskontrolle;
    • Emotionale Regulation;
    • Entscheidungen ĂŒber Reaktionen und Verhalten;
    • Aufmerksamkeitssteuerung;
    • Auswertung von Handlungsergebnissen;
    • Steuerung der Selbstkorrektur;

 

Wer sich schon etwas mit Hundeverhalten oder -erziehung beschĂ€ftig hat, weiß, dass genau in den genannten Punkten der Schwerpunkt bei Verhaltensproblemen liegt.

 

Hunde reagieren ganz individuell auf soziale Vereinsamung. Viele resignieren und verbringen ihr Leben damit, darauf zu warten, bis sich endlich jemand mit ihnen beschĂ€ftigt. Sie leiden so still vor sich hin und sind völlig unauffĂ€llig. Andere reagieren mit stundenlangem Bellen, Zerstörung von Dingen oder Verhaltensstörungen bis hin zu SelbstverstĂŒmmelungen.

Hunde reagieren auf seelische Belastungen körperlich, sie werden krankheitsanfÀlliger und haben oft eine geringere Lebenserwartung.

 

Isoliert gehaltene Hunde reagieren nicht selten mit ĂŒbersteigerter Aufgeregtheit oder auch AggressivitĂ€t auf die Umwelt, wenn sich jemand doch mit ihnen beschĂ€ftigen möchte. Der angestaute Frust und die ĂŒberschĂŒssige Energie muss schließlich irgendwo hin.

 

Der Kreis schließt sich. Denn weil diese Hunde sich so unmöglich benehmen, kommen sie immer seltener raus.

Interessant ist hier, dass nicht der Zusammenhang von auffĂ€lligem Verhalten und der Art und Weise der Hundehaltung gesehen wird. Im Gegenteil, man Ă€rgert sich ĂŒber den Hund und sinnt auf Abhilfe. Oftmals meinen die Hundebesitzer, den Hund fĂŒr sein Verhalten tadeln oder bestrafen zu mĂŒssen. FĂŒr Dauer – Beller gibt es z. B. “Bell – Ex”, ein SprĂŒhhalsband, welches durch das Bellen ausgelöst wird. Wie praktisch.

 

Hunde sind heute aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Neben Denjenigen, die noch spezielle Aufgaben haben (als Rettungs- oder Polizeihunde, Minensuchhunde usw.) gibt es den “nur” Familienhund mit wichtigen sozialen Funktionen. Kinder, die mit Hunden aufwachsen, haben eine höhere soziale Kompetenz (vorausgesetzt, sie haben den richtigen Umgang mit den Hunden erlernt). Hunde regen zu körperlicher AktivitĂ€t an. Hunde helfen, den Verlust eines geliebten Menschen leichter zu ertragen. Hunde erleichtern die Kontaktaufnahme zu anderen Menschen. Usw.

 

Damit Hunde aber diese Aufgaben bewĂ€ltigen können, mĂŒssen sie diese sozialen Kenntnisse und FĂ€higkeiten inmitten der menschlichen Gesellschaft erst erlernen. Die genetischen Voraussetzungen bringen sie mit. Nicht umsonst ist der Hund als Art so erfolgreich in seiner weltweiten Verbreitung.

 

Doch hat alleine der Mensch es in der Hand, dass der Hund ĂŒberhaupt die Chance erhĂ€lt, diese Aufgabe zu meistern. Basis dafĂŒr, ist die Auswahl der passenden Rasse, des richtigen ZĂŒchters, der Ausnutzung der Sozialisierungsphase, mit dem Kennen- und BewĂ€ltigenlernen tagtĂ€glicher Lebenssituationen und die QualitĂ€t der FrĂŒhbetreuung.



Es ist dann Aufgabe des Hundehalters, dem Hund die erforderlichen Regeln zu vermitteln.
Das wÀren zum Beispiel:

    • Der Hund ist stubenrein, d.h. er “meldet” sich, wenn er raus muss, er “erleichtert” sich nicht auf Fliesen / auf Teppichen sondern draußen im Gras o. Ă€. – auch im eigenen Garten;
    • Der Hund hat im Haus RuheplĂ€tze, dort schlĂ€ft oder ruht er entspannt, egal was um ihn herum geschieht;
    • Laute GerĂ€usche im Haus wie Scheppern, Klappern, laute Stimmen, Staubsauger oder KĂŒchengerĂ€te lassen den Hund völlig kalt;
    • Besucher werden mit allen vier Pfoten auf dem Boden begrĂŒĂŸt und dann in Ruhe gelassen;
    • WĂ€hrend den Mahlzeiten der Menschen, liegt der Hund auf seiner Decke bzw. auf seinem Platz; dies gilt auch fĂŒr gemeinsame Besuche in gastronomischen Einrichtungen;
    • Hunde lassen PflegevorgĂ€nge wie Pfoten reinigen, BĂŒrsten oder Abtrocknen ohne Probleme geschehen;
    • 
.

 

Aber das geht nur im entsprechenden Lebensumfeld, das ist die Logik.

 

In der lÀndlichen Gegend, in der ich wohne, ist es sehr verbreitet, Hunde im Zwinger und / oder Hof zu halten ohne ihnen jemals Zutritt zur menschlichen Behausung zu gestatten.

Ich habe kein Problem damit, dass ein Hund die Wartezeit, die er sowieso alleine verbringen muss, im Zwinger verbringt. Dem Hund ist es egal, wo er wartet. Aber ich habe ein Problem damit, dass Hunde wie Gartenzwerge oder RasenmĂ€her behandelt werden – wenn kein Bedarf ist, wird er weggestellt.

Ich frage jeden Hundebesitzer, der seinen Hund so hÀlt, warum er das tut. Folgende Antworten bekomme ich:



Ein (großer) Hund gehört nicht ins Haus.

Mit dieser Antwort kann ich eigentlich gar nichts anfangen. Weder haben manche (große) Hunde ein Gen fĂŒr “Einsamkeit ertragen” noch gibt es Hunde – meistens eben die Kleinen – mit einem Gen fĂŒr “ich darf alles, auch in das Haus”. Hunde sind Hunde, ob groß oder klein, ob Pudel oder SchĂ€ferhund. Sie sind weder Wölfe noch Kinder, sie wollen auch nicht als solche behandelt werden. Sie wollen lediglich bei “ihren” Menschen sein und nicht sich ausgeschlossen fĂŒhlen. Und sie brauchen klare Regeln.

 

Eine einzige Ausnahme lasse ich gelten. Es gibt Hunde, besonders unter den Herdenschutzhunden, die es lieben, draußen einfach so herum zu liegen. Dann ist das aber deren Entscheidung, die ich auch so akzeptieren wĂŒrde. Und trotzdem gelten auch oder gerade fĂŒr diese Hunde die gleichen GrundsĂ€tze wie fĂŒr die anderen Hunde.

Ich frage manchmal: Warum haben Sie einen Hund?
Die Antwort:

 

Er soll den Hof bewachen.

Wie sieht denn dieses “Bewachen” in der RealitĂ€t aus?

    • Der Hund bellt in seinem Zwinger / auf dem Hof bei allen möglichen AnlĂ€ssen. Wer bitte schaut jedes Mal nach, wenn der Hund anschlĂ€gt?
    • Der Hund bellt am Zaun, weil Passanten vorbei gehen. Das ist in der Regel nervend, nicht nur fĂŒr die Nachbarn.
    • Der Hund bellt nicht, weil er gar nicht bellfreudig bzw. misstrauisch ist. Und nun?
    • Der Hund ist nachts freilaufend im Hof, fĂŒr Einbrecher, die wirklich reinwollen, ist das kein Hindernis. Da der Hund sowieso nur anschlagen darf (der Hundebesitzer haftet fĂŒr eventuelle SchĂ€den – auch am Einbrecher), kann auch hier eventuell Fall a) zutreffend sein oder aber der Hund selbst ist gefĂ€hrdet.
    • Der Hund passt zwar auf Hof oder Zwinger auf, aber das Haus ist im Prinzip unbewacht.

 

Es gibt Bewegungsmelder und Alarmanlagen, die brauchen kein Futter und sind vor allem nicht so Aufwendig in der Pflege und Wartung. Die erfĂŒllen viel effektiver ihren Zweck.



Haushunde sind verhÀtschelt und verwöhnt.

Alleine der mögliche Aufenthalt im Haus soll einen Hund verwöhnen? Wie definiert sich denn “verwöhnt sein” beim Hund?

Ein verwöhnter Hund bekommt alles, was er gerne hat, umsonst, ohne etwas dafĂŒr tun zu mĂŒssen, vor allem, wenn er etwas einfordert, wenn er sich durch Aufmerksamkeit heischendes (also nervendes) Verhalten immer wieder in den Mittelpunkt rĂŒcken kann.

Doch meine Erfahrung bzw. die einiger meiner Kollegen ist interessanter Weise auch die, dass gerade oftmals aus einem – wahrscheinlich verdrĂ€ngten schlechten Gewissen heraus – Zwinger- oder Hofhunde völlig unerzogen bzw. regellos aufwachsen. Aber schlimmer noch, alleine die Anwesenheit von Menschen im Einwirkungsbereich dieser Hunde reicht aus, um permanent Spiel oder Aufmerksamkeit einzufordern. Und das nicht nur, weil sie soziale Defizite haben, sondern weil sie gelernt haben, dass sie auf diese Art und Weise genau das bekommen was sie wollen.

 

Hunde machen Dreck.

Das ist meiner Meinung nach die einzige ehrliche Antwort.

Es wĂ€re eine LĂŒge, wenn ich behaupten wĂŒrde, dass dies nicht stimmt.
Hunde schleppen den Sand und Dreck von draußen mit herein, ĂŒberall liegen Hundehaare herum, alle Textilien sind voll davon. In der Zeit des Fellwechsels kann es vorkommen, dass man sich im Haus so richtig schmutzig macht.

Das ist aber der Preis, den ich bezahle, der Kompromiss, den ich eingehen muss und inzwischen auch will. Ich will ohne Hunde nicht leben also auch nicht ohne ihren Dreck.

 

Übrigens – der Dreck, den meine Hunde machen, ist gar nichts gegen das Chaos, was meine Kinder oftmals verursachen. Doch habe ich noch nicht einmal ansatzweise darĂŒber nachgedacht, meine Kinder in einem Zwinger unterzubringen (obwohl, dieser Gedanke .. ????)

 

Hunde können sich ihre Menschen nicht aussuchen, sie werden gekauft, angeschafft, was auch immer. In dem Moment, wo wir ein Lebewesen zu uns holen, ĂŒbernehmen wir Verantwortung. Dieser können wir aber nur gerecht werden, indem wir uns darĂŒber Gedanken machen und informieren, was dieses Lebewesen denn braucht, was “artgerecht” ist – und das gilt nicht nur fĂŒr Hunde.

 

Wir Menschen sind manchmal schon ziemlich arrogant, was den Umgang mit unseren Mitgeschöpfen angeht. Da werden Meerschweinchen oder Kaninchen in engen KĂ€figen und einzeln gehalten, obwohl sie Gesellschaft und Bewegung brauchen. Da werden Hamster in KĂ€figen mit LaufrĂ€dern glĂŒcklich gemacht, obwohl diese lieber GĂ€nge graben und Kammern anlegen. Und da werden Hunde isoliert gehalten, nur damit man ab und zu etwas Felliges hat, was man streicheln kann oder damit man seinen Ehrgeiz auf HundeplĂ€tzen befriedigen kann.

 

Wenn wir Menschen vom Hund erwarten, dass er alle Spielregeln und Gepflogenheiten des Zusammenlebens kennt und befolgt, so mĂŒssen wir all die Voraussetzungen schaffen, damit der Hund auch die Chance erhĂ€lt, diese zu kennen bzw. zu erlernen. Das geschieht nicht im Selbstlauf und ganz bestimmt nicht in isolierter Haltung.



© Sabine Friedrich